Die blaue Geschichte
An einem sonnigen Sonntagmorgen läuteten
die Glockenblumen klar und blau.
Die Wiesen trugen schimmernden Tau und die Sonne hatte ihre helle Freude an den Spiegeln, die ihr die Grashalme entgegen hielten.
Wie schön sie waren!
Sie streckte ihre langen Hände überall hin, um die Wiese zu liebkosen.
Nur in einen Winkel unter der Japanquitte gelangten die Goldfinger nicht.
Dort blieb es schattig und kühl.
Gleich über dem Boden hatte ein kleiner blauer Vogel sein Nest gebaut und teilte es mit seiner Liebsten.
Ein paar blaue Eier lagen auch schon darin und beide wechselten sich ab, sie warm zu halten.
Ein wenig Sonne hätte auch ihnen gut getan.
„Geh eine Weile hinaus und wärm dich auf“, drängte der blaue Vogel seine Frau.
„Ich bleibe solange hier.“
Sie flatterte auf und zwitscherte ihm zu: „Ich bring dir etwas Schönes mit!“
Ganz oben auf dem Kirschbaum ließ sie sich nieder, breitete ihre Flügel aus und reckte die Brust in die Sonne. Das war so herrlich, dass sie darüber fast die Zeit vergaß. Aber er sollte das auch erleben. Deshalb suchte sie schnell noch nach einer kleinen Leckerei und eilte zu ihrem Nest.
„Jetzt bist du dran“, drängte sie ihn, nachdem sie ihr Mitbringsel liebevoll in seinen Schnabel gelegt hatte. Im Wipfel des Kirschbaumes sitzt es sich wunderbar. Der Wind wiegt dich und die Sonne wärmt dich, du musst es auskosten, solange sie scheint. Ich bin ja jetzt wieder da.“
Der kleine blaue Vogel hüpfte aus dem Nest und setzte sich in den Sand unter dem Quittenbusch. Er fand es hier schöner und viel weicher.
Er könnte ein Sandbad nehmen. Das würde die Federn reinigen.
Sonnen könnte er sich danach immer noch.
Über den Gartenweg spazierte eine Katze.
Eine schöne stolze Exotin mit blauen Augen und einem Blick, von dem man nicht wusste, ob sie nach innen oder nach außen schaute.
Ihr Fell war gelb wie Sand der Sahara, und auf ihrem Kopf lagen die Schatten der Dünen, dunkelbraun, fast schwarz.
Sie schaute sich nicht um, aber ihre Ohren waren gespitzt und die Schwanzspitze zuckte vor Erregung.
Sie hatte den blauen Vogel gesehen, der so selbstvergessen im Sand badete.
Die Katze blieb stehen. Ihre Aufmerksamkeit galt nur noch ihm. Dann spannte sie ihre Muskeln zum Sprung und bevor der Vogel fliehen konnte, hatte sie ihn gefasst.
Triumpf lag in ihrem Blick.
Sie war eine große Jägerin.
Aber eine Jägerin ohne Hunger, denn gefrühstückt hatte sie bereits.
Also ließ sie den kleinen blauen Vogel einfach liegen. Sie würde ihn sich später zum spielen holen. Jetzt putzte sie das Fell bis es glänzte und leckte sich die Zehen.
Der kleine blaue Vogel aber war nicht tot. Er war nur schreckensstarr.
Jetzt blinzelte er vorsichtig mit einem Auge in ihre Richtung.
Die Katze war mit sich selbst beschäftigt.
Ich muss schnell sein, sonst habe ich verloren, dachte er.
Alle seine Kraft sammelte er für diesen wichtigen Augenblick und gerade, als sich die Katze vor Wohlgefühl zusammenrollte, schoss er mit einem spöttischen Triller in die Luft.
Das Glück ist blau, dachte der kleine Vogel und die Katze zog mürrisch weiter.
(Vorabdruck © Anne Weinhart 2012)
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